„Wie ich Sicherheit suchte und eine faszinierende Welt entdeckte“


… oder Willst auch Du lernen, aus Dir selbst zu leuchten?

Wo beginnen? Alles ist so wichtig, so interessant, so erhellend, so begeisternd, so füllend mit allem, was ein Mensch braucht … Nun los, Sylvia, fang endlich an …

Ich bin im Außendienst für einen Verlag unterwegs. Thüringen und Franken – das ist ein toller Job! Ich mag jeden neuen Tag sehr und die vielen Menschen, die ich dabei kennenlerne; auch das Reisen und bewegt sein …

 

Dessen ungeachtet gab es ein sehr unangenehmes – möchte sagen – exorbitant verängstigendes und bedrohliches Erlebnis.

 

Als passionierte Kinogängerin besuchte ich des Öfteren das Kinopolis in Aschaffenburg. Nach Ende der Vorstellung meines ausgesuchten Lieblingsfilms ging ich dieses Mal nicht sofort ins Parkhaus. Als ich dann das Kino verließ, meinen Parkschein bezahlte, hielten sich im Parkhaus nur noch wenige Kinobesucher auf.

Deshalb beeilte ich mich, zum Auto zu gehen. Es war ein ganzes Stück zu laufen.

Ich hörte Stimmen hinter mir. Als ich mich umdrehte, sah ich drei junge Männer – laut redend auf sich aufmerksam machend, wild gestikulierend.

Ich muss mit ihnen allein gewesen sein. Jedenfalls sehe ich in diesem Moment sonst niemanden mehr. Als sie mich wahrnehmen, beginnen sie zu lachen, werfen mir ungehörige Worte hinterher, wovon „Schlampe“ noch vergleichsweise harmlos ist.

Ich bekomme Angst und weiß nicht, was ich tun soll, laufe schneller. Aber das hilft nicht. Sie lachen, schubsen mich, pöbeln herum. Gedanken schießen durch meinen Kopf: „Sind die betrunken? Was soll das nur? Mein Auto – Gott sei Dank! Doch wo ist mein Schlüssel …“ Siedend heiß überkommt mich der Schweiß. Ich habe weiche Knie, zittere, finde den sch… Schlüssel nicht. Ich bekomme keine Luft mehr, bin voller Panik. Tränen laufen über mein Gesicht und sie lachen, schubsen, pöbeln und lachen.

Und dann ein richtig schwerer Hieb in meinen Rücken. Ich knalle ans Auto. Todesangst ist in mir. Dann laufen sie endlich, endlich weg.

Das war das demütigendste Erlebnis, das ich jemals hatte: Es ist das schrecklichste Gefühl, was man haben kann: Opfer zu sein.

Ich ließ alles beinahe schweigend über mich ergehen. Ich habe gar nichts getan und schäme mich dafür noch heute. Nichts funktionierte mehr so, wie es sollte. Mein Kopf war  so leer wie eine gelöschte Datei. Ich war steif und völlig unfähig zu tun, wonach die Situation verlangte. Schreien wäre ja schon eine Option gewesen – aber ich war wie gelähmt. Ich stand wie unter Strom, nur noch beißende Angst.

Danach habe ich viele Wochen versucht, wieder mit meinem Leben klarzukommen. Ich hab mir selbst nicht mehr über den Weg getraut. Ich hatte Angst vor allem und jedem und vor allem vor Parkhäusern. Im Außendienst tätig und immer unterwegs, musste ich aber ständig in Parkhäuser. Ich stand in solchen Situationen immerzu neben mir.

 

Mit meiner damaligen Todesangst wurde mir eines klar: Wenn ich nicht weiß, was ich in solchen Situationen für mich selbst tun kann – nicht einmal ansatzweise – dann habe ich keine Chance. Und es ist unerträglich, zu dumm zu sein, um sich verteidigen zu können – quasi durch Unwissenheit Schaden zu nehmen und nicht wenigstens versucht zu haben, diese Typen abzuschütteln.

Solche Ängste sind nicht zu ertragen. Der Körper ist einfach nicht mehr steuerbar: Hilflosigkeit in sich selbst. Im eigenen Wesen verunsichert zu sein, sorgt für große Labilität auch in anderen Bereichen des Denkens. Ein Karussell, das sich immer schneller dreht und nicht mehr aufhört… Sorgen, Ängste, Ängste, Sorgen, … Chaos …

 

Daher ging ich auf die Suche nach einer Möglichkeit etwas zu erlernen, das mich schützen sollte. Google auf und los ging’s. ‑Klasse! Eine gefühlte Milliarde Angebote! Was mich ansprach, war schließlich die Geschichte des WingTsun – eine Frau, die für eine Frau eine Kampfkunst kreierte. Ja, genau das wollte ich auch erlernen und, wenn ich bräuchte, bis der Rollator mir näher wäre als mein Auto.

 

Wo? Am besten montags in Mainaschaff in direkter Nähe meines Arbeitsortes. DaiSifu Schrön und seine Frau lehren dort. E-Mail hin, ein erster Termin. Fein.

Ich fuhr etwas früher hin, um zu schauen, wo es ist und wie es sich anfühlt. Ich schaue mich um, gehe ums Gebäude. „Na klar, alles fremd … Wird schon …“

Und dann ein paar Jungs – ähnlich denen in der Tiefgarage des Kinopolis: Wieder Herzklopfen, totale Panik … Da bin ich einfach abgehauen.

Andere Menschen machen mir plötzlich Angst. „Mädel, was soll das nur werden?“ Ich bin sooo enttäuscht von mir …

Alles wird noch schlimmer. Es überträgt sich auf mein Leben – was für ein Theater!

 

Noch am Abend im Hotel suche ich in meinem Erfurt. Ich bin Erfurterin mit Leib und Seele. Das ist meine Stadt. Ich liebe sie. Ich finde die WingTsun-Schule von Holger Peter. „Herrlich! in Erfurt gibt’s auch eine.“ Dort bin ich zu Hause, fühle ich mich wohl.

Zunächst Kontakt per E-Mail. Sofort am nächsten Tag ein Anruf: nette, ruhig machende Stimme. Termin am Mittwoch gleicher Woche.

„Diesmal läufst Du nicht weg, Mädel! Diesmal nicht! … Ich bin doch bekannt für meine Sturheit und mein Durchhaltevermögen, nicht wahr?“

 

Mein erstes Training … ich bin schrecklich aufgeregt … zitter … Aber ich wollte es so. Also los! Erste Menschen sammeln sich vor der Schultür. „Jedes Alter dabei, gut!“ Dann kommt Holger Peter die Treppe hoch. Ein Lächeln im Gesicht – welche Gelassenheit – begrüßt jeden mit Handschlag … und hinein geht es.

Schöne helle Räume – Freundliches, Warmes, Ermunterndes ist zu erfühlen.

 

Meine ersten Stunden sind stets für mich von riesiger Aufregung begleitet. Jedoch kann ich jedes Mal etwas für mich mitnehmen: Fast simpel anmutende Methoden der Deeskalation der ersten Abwehr sind dermaßen effektiv – ich bin einfach fasziniert …

Geduldig erklärt Sifu Holger, wie zu beginnen ist. Einmal die Woche gehe ich hin und merke schnell, das reicht mir irgendwie nicht.

Jetzt gehe ich 3 Mal die Woche zum Training und sehne mich nach noch mehr Zeit, dort zu sein …

 

Und ich bemerke, was es mit mir macht, das Erlernen des Wing Tsun:

Die SiuNimTau, die ChamKiu, die Schritttechnik, die ineinander greifenden Techniken, diese Weichheit, die Sensorik, die Philosophie dieser Kampfkunst.

Und der Spaß, mit Gleichgesinnten jeden Alters weiter zu erlernen.

 

Ich mache mein Waschhaus zu meinem Trainingsraum: Ich streiche ihn in den Farben der Schule – sie entspannen gut. Eine Hantelbank rein, meine selbstgetöpferten chinesischen Masken dazu, einen Bonsai, einen kleinen Zimmerbrunnen, Boxsack, Wandsack, Yogamatte. Dazu Entspannungsmusik und „ein bisserl was anderes Dolleres…“ Einen Buddha in die Mitte. „So, fertig! Mein kleines Reich!“ Dieser Raum ist auf mich ausgerichtet. „Meins!“ Und drei Prüfungsurkunden – meine Heiligtümer – hängen auch schon an der Wand!!!

 

Ich höre von Taoismus, Konfuzianismus, von ChiKung. Ich lese Laotse: Tao te King. Es gibt bei allem, was ich noch nicht verstehe, die Gewissheit: Ich werde alles anders betrachten müssen … wollen. Mein ganzes Sein wird sich verändern.

 

Und dann schließt sich auch der erste Kreis: Unfassbar! Sifu Holger Peter und DaiSifu Thomas Schrön scheint eine nachhaltige Freundschaft zu verbinden und so treffe ich diesen sympathischen und freundlichen Menschen schließlich doch noch. In Erfurt, zu den Lehrgängen und Prüfungen. „Prima!“

Gerade erst liegt der letzte WT-Lehrgang hinter mir und meine Begeisterung ist noch allgegenwärtig. Es war wieder spannend, anstrengend und lehrreich, aber auch lustig und entspannt – einfach ein tolles Klima. Ich merke: Bei DaiSifu Schrön fühle ich mich auch in Prüfungssituationen vollkommen aufgehoben. „Was für ein Glück!“

 

Inzwischen bin ich über 1 Jahr und 6 Monate in der Schule von Sifu Holger Peter und ich bin eine andere Frau geworden!

Mit Sicherheit habe ich erst ein ganz klein wenig an der Oberfläche gekratzt, aber es ist irre, was sich in mir, mit mir und um mich herum getan hat.

 

Einen großen Anteil daran hat auch meine Sandra – wenn ich das einmal so sagen darf. Sie ist die ChiKung-Trainerin der Schule (und Ehefrau Sifu Holgers) und in ihrem Unterricht erlerne ich die essentiellen, sensorischen, mentalen und energetischen Empfindungen neu.

 

Aber zum Thema ChiKung erzähle ich euch nächsten Monat mehr. Versprochen!

(Anmerkung der Redaktion: Ihr werdet die Fortsetzung in der Rubrik ChiKung finden.)

 

Bis dahin

Sylvia Kirnich

3. Schülergrad WT

WingTsun-Schule Holger Peter in Erfurt

 

Übrigens: Dies ist mein erster Artikel überhaupt. Was ich schreibe, kommt aus mir selbst. Vielleicht wird er einem professionellen Auge nicht standhalten, aber das ist mir egal. Es ist die Wahrheit und nur die zählt ja bekanntlich.

 

Wer solche Situationen, wie im heutigen Artikel beschrieben, kennt weiß, dass es nichts Schlimmeres gibt als nicht oder nur wirkungslos handeln zu können. Danach macht man sich immer wieder Gedanken darüber, was man hätte besser machen können oder war man in dieser Situation und bis heute einfach nur zu schwach, um sich erfolgreich zu Wehr zu setzen? Es sind meistens sehr viele Grübeleien und eigene Vorwürfe, die man jeden Tag weiter mit sich herumschleppt und die einen nicht mehr loslassen, sodass man irgendwann einfach nicht mehr tief durchatmen kann ohne daran zu denken. Man wird ständig an diese eine hilflose Lage erinnert und kann sich nur noch sehr schwer auf die eigentlichen Aufgaben und den Alltag konzentrieren, da einem dieses Gefühl und die Ängste der Situation immer wieder überkommen. Man wird meistens schreckhafter, unsicherer und gedankenverlorener als sonst und man muss schon all seinen Mut zusammenfassen, um seine eigene Meinung zu äußern, da man immer darüber nachdenkt was die Anderen wohl über dich und deine Meinung denken. Das ist wie ein kleiner Teufelskreis und zieht einen immer tiefer, sodass man irgendwann nur noch für seine Ängste und schlimmsten Gedanken lebt und das eigentliche Leben nicht mehr genießen kann.

Aber das muss nicht nur nach einem körperlichen Angriff wie im Artikel sein, sondern kann auch schon mit einer Kleinigkeit, wie störenden Sprüchen oder Aussagen, zu nahe kommenden Personen oder zufälligen Berührungen, im Beruf oder im eigenen Umfeld anfangen. Schon jetzt im Ansatz einer solchen Situation sollte beziehungsweise muss man seine persönlichen Grenzen noch einmal deutlich zeigen und diese auch beibehalten und bewachen. Manchmal hilft es aber auch einfach mit der oder den Personen darüber zu reden und somit Missverständnisse aufzuheben.

Zum Schluss möchte ich allen, die sich in einer solchen Situation befinden noch sagen, dass es immer besser ist, wenn man sich schnell Hilfe holt und an sich selbst arbeitet, um nie wieder solche Gedanken und Erfahrungen zu sammeln, denn danach ist man wieder zufrieden mit sich selbst und kann das Leben wieder in vollen Zügen genießen.

 

2 Kommentare

  1. Hallo!

    Ich finde es wirklich klasse, wie du dich entwickelt hast und kann alles gut nachvollziehen. Mir ging es ähnlich. Leider kann ich kein Wing Tsun mehr praktizieren, da ich wieder in meine Heimat gezogen bin und es dort keine Schule gibt. Das ist ein Punkt, der mich wirklich ärgert. Es ist nicht einfach, trotzdem in Form zu bleiben. Vor allem, da man nicht weiß, ob man noch die Fähigkeiten besitzt, die man mal hatte.. Ich würde alles drum geben, wieder zu lernen.
    Lass dich niemals runterkriegen! Denk immer daran, dass meistens nur dumme Menschen andere grundlos bedrohen und dumme Menschen keine Ahnung von Kampftechnik haben. (In der Regel)

    lg, Jan Frerichs

  2. Hi Sabine

    Mir ging es ähnlich wie dir. Ich leite Freunden jeweils diesen Artikel über Wing Tsun weiter um zu erklären worum es genau geht: http://www.wingtsun-selbstverteidigung.de/

    Gruss,
    Stephan

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