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Familientradition

Jeder hat bestimmt schon mal was von Familientradition gehört. Wir selbst haben sie auch im WingTsun. Jede WingTsun-Schule hat einen familienähnlichen Aufbau mit einem Lehrer „väterlicher Lehrer“ (Si-Fu), Trainingskollegen „älterer Bruder“ (Si-Hing) oder „ältere Schwester“ (Si-Je). Zudem auch noch jüngere und ältere Onkeln und Tanten, Großvätern und Urgroßvätern. Da wir alle uns vom ersten Tag an mit „Du“ ansprechen, wird das Familiäre noch verdeutlicht und man fühlt sich direkt angenommen. Ich selbst war und bin immer noch begeistert von dieser Tradition, denn wenn man meist irgendwo in einen Verein oder ähnliches kommt, braucht es erst eine Weile bis man sich dort wohl fühlt und von allen akzeptiert wird. Ich habe bislang noch keinen Verein kennengelernt, wo man als Neuling hinkommt und direkt von allen freundlich begrüßt und angesprochen wird. Zudem wird man an seiner sportlichen Leistung gemessen und wertgeschätzt.
Ganz anders ist es in WingTsun-Schulen. Dort ist jeder freundlich zueinander und jeder hilft jedem ohne mürrisch oder gelangweilt zu sein. Man macht es einfach gerne. Egal für wen. Das ist auch ein Grund warum ich immer sehr gerne zum Training gehe, selbst wenn ich mal schlecht gelaunt oder mit einer Sache nicht zufrieden war. Dann kommt man zur Schule, sieht die vielen netten und freundlichen Menschen, begrüßt sich herzlich und hat spätestens jetzt wieder gute Laune. Außerdem hört man immer ein offenes Ohr füreinander und redet nicht nur über WingTsun, sondern auch über private, berufliche oder sonstige Themen.

Um zu verstehen, warum wir diesen familienähnlichen Aufbau haben, gebe ich den Artikel „Chinesische Familientradition“ aus der 28. Ausgabe der WingTsun-Welt wieder. Für die Chinesen hat die Familie traditionell eine herausragende Bedeutung. Sie ist der wichtigste Orientierungspunkt, da sie die Grundlage des Staates ist, der wiederum die der Welt darstellt. Ist also die Familie in Ordnung, so überträgt sich dies auch auf alle anderen Teile der Gesellschaft. Egal wie lange ein Chinese von zu Hause fortblieb und sich von seiner Familie trennte, im Alter wollte er immer wieder zurückkehren. Außerdem half man sich nicht nur bei Krankheiten, sondern auch im Alltag. Der größte Wunsch der Chinesen war es, die Familie reich und fruchtbar zu machen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sollten eine Einheit – eine unaufhörliche Familienexistenz darstellen.
Am Anfang waren Vater und Mutter in chinesischen Familien gleichgestellt. Später wurde nach und nach der Vater das Familienoberhaupt. Es ging die Herrschaft des Großvaters bei dessen Tod auf den Vater über. Beim Tod des Vaters ging die Herrschaft auf den erstgeborenen Sohn über. Da der Vater allen Besitz in seinen Händen hatte, besaß er somit auch die entscheidende Macht. In allen chinesischen Traditionen ist die Sohnespflicht (xiao) ein wichtiger Bestandteil im menschlichen Zusammenleben und bildet das Fundament der Familie. Sie gehört zu den bedeutendsten moralischen Konzepten des Konfuzianismus. Auf diese Weise wurde die Sohnespflicht Grundlage für das familiäre, gesellschaftliche, religiöse und politische Leben.

Die ursprüngliche Sohnespflicht verlangte, dass der Sohn dem Vater und/oder Mutter gut dienen sollte. Es bedeutete, gehorsam zu sein und seine Eltern gut zu behandeln. Im alten China hielt man die Sohnespflicht den Eltern gegenüber für selbstverständlich. Der Dienst galt nicht nur für ihre Lebenszeit, sondern wurde auch noch nach ihrem Tode weitergeführt. Was die Vorfahren angefangen hatten, sollten die Nachkommen fortsetzen. Es geht nicht nur um das körperliche, sondern auch um das spirituelle Leben. Nach Konfuzius stellte das Leben die Beständigkeit und die Unsterblichkeit dar. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist nicht nur die Blutsverwandtschaft, sondern der Vater gab dem Sohn auch das kulturelle und soziale Leben. Die Sohnespflicht ist das höchste Ziel des Sohnes das Dao (Weg oder Wort). So war es so, dass wenn er Vater einen Fehler macht oder er Ungerechtigkeit begeht, dass der Sohn ebenso die Verantwortung zu tragen hatte. Ein ehrfürchtiger Sohn sollte dem Vater ähnlich sein. Wer Vater ist, wird sein ganzes Leben lang Vater, wer Sohn ist, sein Leben lang Sohn sein. Damit ein Sohn seine Sohnespflicht erfüllen und somit eine harmonische Familienordnung erzielen kann, ist ein selbstbeherrschtes und diszipliniertes Leben notwendig. Die Selbstdisziplin ist ein wesentliches Element der Sohnespflicht. Im ganzen chinesischen Reich war der Himmelssohn ein Vorbild. Genauso sind Vater und Lehrer Vorbilder. Der Vater, damit ihm der Sohn nachfolgen kann, der Lehrer, damit die Schüler ihm nachfolgen können.
Wer andere lehrt, sollte ein Vorbild sein. Der Lehrer hat die Aufgabe, die Fehler der Lernenden zu erkennen und zu korrigieren. Im alten China hatte der Vater die Aufgabe den Sohn zu belehren, die Aufgabe des Sohnes war das Lernen.

Im Vergleich dazu das Familienverständnis in Deutschland. Bei den Germanen war die kleinste gesellschaftliche Einheit die eigene Familie, dann kamen die Sippe, die Dorfgemeinschaft und der Gau (ein Zusammenschluss mehrerer Dörfer). Das Eheleben war sehr streng geregelt. Die Frau trat als Genossin in den Ehestand und somit hatte sie ebenfalls die Arbeiten und Gefahren mit ihrem Ehemann zu tragen, ob im Frieden oder im Kriege. Die Frauen arbeiteten auf dem Feld und im Haus und kümmerten sich um das Wohlergehen der ganzen Familie. Wegen der harten und vielen Arbeit wurden sie verehrt. Die Germanen glaubten, dass etwas Heiliges und Vorahnendes in den Frauen wäre und nahmen ihre Ratschläge ernst. Die Führung jedoch lag beim Mann als Familienoberhaupt.

Die Familie um 1800 ist geprägt durch den starken Einschnitt der industriellen Revolution, denn durch diese wurde das typische Bild der ländlichen Großfamilie durch das der bürgerlichen Kleinfamilie ersetzt. Die Haushaltsfamilie zeichnete sich dadurch aus, dass Eltern und Kinder, Verwandte, Groß- und Urgroßeltern sowie das Gesinde, also Ammen, Mägde und Knechte unter einem Dach wohnten und arbeiteten. Das Gesinde gehörte zur Familie und war einbezogen in den Sorgebereich und die Ehrbarkeit des Hauses. Dadurch hatte es Unterkunft und einen gewissen sozialen Schutz. Eine Veränderung durch Bildung oder Aufstieg in eine höhere Gesellschaft beim Gesinde war dadurch kaum gegeben. Der Mann und Hausvater hatten traditionell die leitende Rolle inne. Er teilte sämtliche häuslichen Geschäfte ein und achtete darauf, dass jeder sein Pensum verrichtete.

Mit der industriellen Revolution jedoch änderte sich das Familienleben nachhaltig. Das sogenannte „Ganze Haus“ trat in den Hintergrund und wurde durch die bürgerliche Kleinfamilie ersetzt. Das kam daher, dass viele Menschen in die Städte zogen, um Arbeit in den Fabriken zu suchen. Ein Ahnenkult war – außer beim Adel – unbekannt. Die Bauern wussten oft nicht einmal, wer ihr Großvater war. Es interessierte sie auch nicht. Bei den Bauern arbeiteten die überzähligen Kinder schon mit zwölf bis vierzehn Jahren auf anderen Höfen. Dadurch war die Bindung zwischen Müttern und Kindern schwach. Denn die Kinder starben entweder früh oder gingen zeitig aus dem Haus.

Um die Jahrhundertwende (1900) dehnte sich die weibliche Erwerbstätigkeit auf neue Bereiche aus. Damit brechen die Frauen in eine Männerdomäne ein. War eine Ehefrau jedoch verheiratet, war es mit ihrer Berufstätigkeit schwierig, denn sie hatte das gemeinschaftliche Hauswesen zu leiten. Eine Berufstätigkeit bedurfte der Einwilligung des Mannes. Verheiratete Frauen wurden so auch nicht vom Staat eingestellt. Eine Ehescheidung war um diese Zeit ein Skandal und für die Frau zumeist eine Katastrophe. Sowohl die chinesische als auch die europäischen  Familientraditionen sind im Zuge der rasch fortschreitenden Globalisierung einem rasanten Wandel unterworfen.

Lebensweisen werden innerhalb kurzer Zeit aufgegeben, andere in breiten Gesellschaftsschichten angenommen.

Für den einen oder anderen Kung-Fu-Neuling sind deswegen bestimmte Regeln in einer Kampfkunstschule chinesischer Tradition befremdlich oder gar unverständlich. Sich dennoch darauf einzulassen und andersartiges Denken kennenzulernen, kann eine wertvolle Bereicherung und Erweiterung des eigenen Weltbildes darstellen. Ein derartiger interkultureller Traditionsaustausch sollte in der Zeit und der Welt, in der wir leben, selbstverständlich werden.