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Chinesische Schreibweisen im WingTsun

Ich selbst habe mich immer wieder gefragt, wie die eine Technik geschrieben wird und wie sie heißt bzw. wie sie ausgesprochen wird. Das WingTsun aus China stammt, ist es nicht ganz so einfach zu sagen, denn wir haben ein Alphabet und die Chinesen haben Schriftzeichen. Ich habe zu dem Thema den Artikel „Zwei Mal „Mensch“ heißt „flogen““ in der 30. Ausgabe der WingTsun-Welt gefunden.
Nachdem ich ihn durchgelesen hatte, wurde mir klar, dass es kaum oder nur schwer möglich ist für unsere Sprache eine einheitliche Schreibweise für die Schriftzeichen zu finden. Um zu verstehen, warum  das so ist, zeigt uns der Artikel die Hintergründe der chinesischen Sprache.

Das Thema „Chinesisch“ und „Schreibweisen“ ist ein sehr komplexes und verwirrendes. Dafür muss man verstehen, wie Chinesisch als Sprache funktioniert. In China gibt es eine Vielzahl von Sprachen, die dort gesprochen werden. Der Hauptteil der chinesischen Bevölkerung sind die sogenannten Han-Chinesen, weshalb man den Terminus „Sprache der Han“ verwenden muss. Dabei handelt es sich nicht um einen einheitlichen Sprachkomplex. Grob lassen sich die stark voneinander abweichenden Dialekte in sieben Gruppen unterteilen:
1. Guanhua- oder Mandarin-Dialekt
2. Wu-Dialekt
3. Xiang- oder Hunan-Dialekt
4. Gan- oder Jiangxi-Dialekt
5. Kejia- oder Haka-Dialekt
6. Yue-Dialekt
7. Min- oder Fujian-Dialekt
Trotz der teilweise stark abweichenden Aussprache unterscheiden sich die Dialekte selten in der Grammatik. Diese sprachliche Vielfalt verlangt nach einem Medium der allgemeinen Verständigung. Dies ist seit etwa drei Jahrtausenden die Schriftsprache, die sich in ihrer langen Zeit des Bestehens verhältnismäßig wenig verändert hat. Das moderne Hochchinesisch wird als „Mandarin“ bezeichnet. Hochchinesisch ist die Sprache, die in der Literatur, im Schulwesen und in den Medien verwendet wird und jeder Chinese versteht.

Chinesisch gehört, wie Tibetisch, Birmanisch oder Thai, zu den sinotibetischen Sprachen. Im Chinesischen gibt es kein Alphabet. Vielmehr wird Chinesisch mittels Schriftzeichen geschrieben. Es gibt viele Zeichen, die zwar gleich ausgesprochen werden, aber unterschiedliche Bedeutungen haben. Diese Erscheinung nennt man „Homonym“. Deshalb ist Chinesisch eine tonale Sprache, das heißt, ein und dieselbe Silbe kann unterschiedlich betont werden und bekommt somit eine andere Bedeutung. Grundsätzlich unterscheidet man vier Grundtöne im Hochchinesischen:
1. ein hoher, gleichbleibender Ton
2. ein halbhoch beginnender und dann steigender Ton
3. ein halbhoch beginnender, zuerst fallender und dann wieder steigender Ton
4. ein fallender Ton
Dazu kommen noch eine Anzahl von Silben, die in einem „neutralen“ Ton gesprochen werden.

Die ersten Hinweise auf eine strukturierte Schrift gehen in China 300 Jahre zurück. Seitdem hat sich zwar die Aussprache der Schriftzeichen, aber ihr Sinngehalt kaum verändert. Die Schriftzeichen lassen sich grob in vier Kategorien unterteilen:
1. Bilder:
Das Schriftzeichen ist eine mehr oder weniger eindeutige bildliche Darstellung von konkreten Dingen.
2. Symbole:
Vorwiegend werden abstrakte, manchmal aber auch konkrete Begriffe in Symbolen dargestellt. So besteht das Schriftzeichen für die Zahl Zwei aus zwei übereinanderliegenden Strichen.
3. Symbolische Zusammensetzung
Durch die Kombination von zwei oder mehreren Zeichen entstehen neue Bedeutungen. Zum Beispiel ergibt die doppelte Verwendung des Zeichens für Mensch die Bedeutung „folgen“.
4. Laut- und Sinnkombinationen
Die ist die häufigste Art. Ca. 80% aller Zeichen sind so aufgebaut. Ein Teil des Zeichens ist der Sinnbestandteil und der andere Teil ist der Lautbestandteil. Ein Schriftzeichen besteht zumeist aus mehreren Strichen. Nach bestimmten Regeln werden diese Zeichen geschrieben. Es gibt durchaus Zeichen mit 30 Einzelstrichen.

Bei einer Sprache, die nur aus Schriftzeichen besteht, ist es unerlässlich, ein System zu haben, die die Aussprache der Zeichen erfasst. Das System zur phonetischen Wiedergabe des Mandarin ist seit 1958 das sogenannte Pinyin. Dabei handelt es sich um ein einheitliches System zur Umschrift, das das weit verbreitete und auch heute noch oft verwendete Wade-Giles-System ablöst.
Ein Beispiel: Die teilweise bekannte Kampf- und Bewegungskunst des chinesischen Schattenboxens wird nach Wade-Giles so umgeschrieben: T’ai Chi Ch’uan. In Pinyin sieht das Ganze so aus: Tai Ji Quan oder auch Taijiquan. Der Unterschied zwischen T‘ai Chi Ch’uan und Taijiquan ist keiner. Es handelt sich lediglich um unterschiedliche Schreibweisen des einen Schriftzeichens.

Was vielen nicht bewusst ist, ist die Tatsache, dass WingTsun ein Stil ist, der hauptsächlich im Süden Chinas beheimatet ist. Und in diesem Teil des Landeswird nicht Mandarin, sondern Kantonesisch gesprochen. Kantonesisch besitzt keine eigene Schriftsprache, sondern lediglich eine eigene Aussprache. Und diese unterscheidet sich vom Hochchinesisch ungefähr so drastisch wie Hochdeutsch vom Kölsch. Jemand, der nur Kantonesisch spricht kann sich mit jemandem, der nur Mandarin spricht nicht unterhalten. Sie greifen dann auf die Schriftsprache zurück und malen sich mit dem Finger Zeichen in die Hand. Zudem ist es so, dass die meisten Umschriften Systeme aus dem Englischen kommen. Das bedeutet, dass die Umschrift auf der Basis von Englisch gelesen werden muss. Eine Silbe, die beispielsweise „jut“ geschrieben wird und auch im Deutschen mit einem „u“ gesprochen würde, wird im Englischen mit „a“ gesprochen (wie bei Sonne = „sun“).
So wird vielleicht langsam verständlich, warum es ein großes Wirrwarr an Schreibweisen für WT-Techniken oder Mottos gibt.

Wenn man also im WingTsun von Chinesisch spricht, dann meint man den Dialekt Kantonesisch. Die Frage, wie man etwas schreibt müsste mit dem Schreiben des Schriftzeichens beantwortet werden. Immer wieder kommt die Frage auf, ob es nicht einmal eine verbindliche Auflistung aller WingTsun-Techniken, -Mottos, -Personen ect. geben kann. Aus dem Dargelegten wird vielleicht klar, warum das gar nicht so einfach ist. Es wird intensiv daran gearbeitet, die Menge an Schriftzeichen und ihre Umschrift zu vereinheitlichen.