„Benchmarking im WingTsun oder Der Blick über den Tellerrand“


Was mit der Überschrift des Artikels von der offiziellen Homepage der EWTO aus der Rubrik WingTsun genau gemeint ist, wird genauestens unten beschrieben und erläutert. Es handelt sich bei diesem Artikel um einen Auszug aus der Arbeit zur Erlangung des 4. TG von Sifu Robert Bauer.

Ich bin der Meinung, wie ihr ja schon in mehreren Beiträgen heraushören konntet, dass man durch Austauschen von Informationen untereinander seinen Horizont in der Kampfkunst erweitern kann und somit viel mehr über die Hintergründe, die Vor- und Nachteile und vor allem über die Kampfkünste an sich erfährt. Denn nur dann weiß man wo man selbst steht und hat die Möglichkeit sich weiterzuentwickeln. Ohne Weiterentwicklung bleibt man auf der Stelle stehen, sieht nicht wie sich die Welt weiterdreht und bemerkt entweder gar nicht oder viel zu spät, dass sich alles verändert hat und man nicht mehr weiß, wo man genau hingehört. Man ist sozusagen schon Vergangenheit und kann nur mit viel Auswand und Umdenken seinerseits die Zeit wieder einholen und seinen Platz in der Welt wiederfinden. Aber nun zum Artikel:

 

Warum werden von namhaften Autoherstellern Tausende von Euro ausgegeben, um zu erforschen, wie ein Türschließmechanismus einer qualitativ weit preiswerteren Automarke funktioniert? Warum werden Autos über Zweit- und Drittfirmen gekauft und restlos zerlegt, um die Funktionsweise verschiedener, aber bereits erforschter, mechanischer Abläufe nachzuvollziehen?

 

Was wären die Gebrüder Wright ohne die Ideen eines Otto Lilienthals gewesen. Wären sie selbst auf diese Art der Fluggeräte gekommen? Wie weit wäre Lilienthal gekommen, ohne auf die Ergebnisse des Schweizer Physikers und Mathematikers Daniel Bernoulli (Bernoulli-Effekt) zurückgreifen zu können?

 

Welchen Stand hätte unsere heutige Technologie bzw. unsere komplette Wissenschaft, könnten wir nicht immer wieder auf Referenzpunkte zurückgreifen und auf diesen unsere Innovationen aufbauen?

Soll dies vielleicht nur einen Arbeitsablauf in der technischen Wirtschaft um den Streit der größten, modernsten technischen Errungenschaft darstellen oder lässt sich dies auch auf andere Bereiche umschreiben und einsetzen?

 

Definition Benchmarking

Der Begriff Benchmarking beschreibt den analytischen Vergleich bestimmter Referenzwerte. Eine Verhaltensweise, die auf bereits gesichertem Wissen aufbaut, um daraus zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Aber nicht nur der Vergleich, sondern auch die daraus gewonnene Erfahrung sollte uns beschäftigen.

 

Warum Benchmarking im WingTsun?

Immer mehr Lehrer im Bereich des WingTsun sind so sehr überzeugt von ihrem Stil, dass es für sie nicht mehr in Frage kommt, sich mit anderen Stilen zu beschäftigen bzw. sich damit auseinanderzusetzen. Somit kommen wir immer mehr zu einem Inzuchtverhalten, das nicht nur im technischen, sondern auch im strukturellen Bereich seine Schatten wirft.

Vergleiche waren schon immer eine Verhaltensweise, die unsere menschliche Rasse vor dem Aussterben bewahrte und unsere Evolution vorantrieb. Ein Abwägen verschiedener Eckpunkte und das analytische Ausarbeiten dieser Werte sind Punkte, die unsere Wissenschaft auf allen Gebieten nach oben katapultierte.

Können wir uns im WingTsun leisten, diese systematische Arbeitsweise zu ignorieren? Welche Erkenntnisse können wir mit dieser wissenschaftlichen Methode gewinnen?

Oder ist dies ein Verrat am eigenen Stil (oder System)?

Welche Rückschlüsse bzw. Vorteile können wir aus der analytischen Betrachtungsweise anderer Kampfkunststile/-systeme gewinnen?

 

Aber wie kann man diese Erkenntnisse im WingTsun nutzen, ohne den gleichen Weg einzuschlagen wie z.B. Schüler von Bruce Lee, die ihr „System“ durch Addieren von Fremdtechniken und -stilen verwässerten, statt die Erkenntnisse, die relevant für eine Weiterentwicklung waren, zu nutzen.

Deshalb stellt sich die Frage: Was kann man aus anderen Stilen/Kampfkünsten lernen, ohne unser WingTsun zu verwässern oder gar die Prinzipien zu verfälschen?

 

Verlassen der Komfortzone

Sich in völlig neue Bereiche zu begeben, um andere Einflüsse zuzulassen und die Welt wieder mit anderen Augen, aus der Sicht eines Laien, zu sehen, wird im Bereich des Coachings auch das Verlassen der Komfortzone genannt.

Gerade in der Komfortzone, in der man sich sicher fühlt und schon gut auskennt, sind die Lernerfolge am kleinsten. Erst das Verlassen der Komfortzone und der Aufbruch zu etwas Neuem hilft, größere Lernschritte zu erreichen. An den Grenzen der Komfortzone liegt die so genannte Lernzone. Hier ist es möglich, absolut neue Einblicke zu gewinnen und das Ganze noch einen großen Schritt weiterzubringen.

Was könnte das für unser WingTsun bringen? Wo liegen hier die Chancen, wenn man versucht, noch einmal aus den alten, ausgetretenen Wegen zu entfliehen und sich mit völlig neuen Ideen an eine Sache heranzuwagen?

 

Aber das Verlassen der Komfortzone erfordert den Mut, sich auf den Stand eines Anfängers zu stellen, neue Gebiete zu erforschen, in denen man wieder auf den Rat anderer Experten zurückgreifen muss. Viele Meister sind es müde, nochmals von vorn zu beginnen, sich wieder auf das Wissen eines Schülers degradieren (zumindest sehen das viele so) zu lassen und von – vermeintlich – vorn zu beginnen.

 

Vielen meiner Schüler imponierte es ganz am Anfang bei der theoretischen Einführung in der Vorstellungsrunde, wenn ich zu ihrer Kampfkunst, die sie bisher ausgeübt hatten, kurze prägnante Fragen stellte bzw. fachlich kompetente Anmerkungen machte, wie z.B.:

 

Taekwondo:    „Was seid Ihr gelaufen: Hyongs oder Poomse?“

Hyongs – das traditionelle System nach General Choi Hong-Hi

Poomse – das modernisierte System

Karate:            „Welcher Stil? Shotokan?“ Meistens Shotokan-Karate, nach Gichin Funakoshi oder

Etwas seltener Kyokushinkai, nach M. Oyama

Aikido:            „Übersetzt: „Ein Weg aus Geist und Harmonie“ von Morei Uyeshiba, beruht auf der

Ausnutzung der Zentripetal- und Zentrifugalkraft“

Judo:              „Ein Wettkampfsport, der von Prof. Jigoro Kano aus dem Ju-Jitsu entwickelt wurde,

nachdem er die gefährlichen Techniiken entfernt hatte.“

Fechten:         „Mehr Stoßfechten mit Florett oder Degen oder auch Hiebfechten mit dem Säbel?“

Choy-Lee-Fut: „Ein südchinesischer Stil, gewidmet Meister Choy, Meister Lee und Buddha

(Fut bedeutet Buddha). War früher sehr gefürchtet, da seine kreisförmigen

Bewegungen eine wahnsinnige Kraft entwickeln.“

Hung-Gar:      „Der Stil der Familie Hung, ein Fünf-Tiere-Stil. Er wurde eingesetzt, um die Krieger

Damals möglichst schnell kampfstark zu bekommen; oft nennt man ihn auch Hung-Kuen (die Faust der Familie Hung).“

usw.

 

Man benötigt hier nicht unbedingt die expliziten Fachkenntnisse eines absoluten Experten. Oftmals reichen schon unser Wissensschatz aus dem WingTsun und ein paar Grundkenntnisse aus unterschiedlichen Kampfkunstbereichen, um andere Kampfsportler und Neuinteressenten zu beeindrucken.

Seminare über verschiedene Kampfkünste würden den WingTsun-Schülern der EWTO einen gewissen Weitblick einräumen und sie als Experten im großen Pool der Kampfsport-/Kampfkunstlehrer – weltweit – platzieren.

 

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